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Trumscheit

 

Trumscheit [Bild 1]

von ahd. trumme, trumpe = Trommel oder Trompete und scheit = (längliches) Holzstück
engl. trumpet marine;
frz. trompette marine;
ital. und lat. tromba marina;
deutsche Bezeichnungen: Trumscheit, Nonnengeige, Nonnentrompete, Marientrompete, Trompetengeige, Engelstrompete

 

Bezeichnung:

Die Bezeichnung „Trompete“ rührt wohl von der ausschließlichen Nutzung der Naturtöne her und vom Klang des Instruments. Woher die Bezeichnung „Marien“-Trompete kommt, ist ungeklärt. Ein Zusammenhang mit dem auffallend häufigen Gebrauch in Frauenklöster deutschsprachiger Gebiete (daher auch Nonnengeige genannt) ist nicht erwiesen. Angeblich diente das Trumscheit auch als Signalinstrument für die englische Marine, woraus die Bezeichung Tromba marina entstand. Doch auch dafür fehlt jeglicher Beweis.

 

Trumscheit [Bild 2]
Sebastian Virdung: Musica getutscht, 1511

Bau und Spielweise:

Das Trumscheit ist ein Streichinstrument von bis zu 2 m Länge, das einen aus drei „Brettern“ bestehenden, nach unten offenen und nach oben sich verjüngenden Korpus aufweist. Der „Kasten“ hat die Form Trumscheit [Bild 3]eines dreiseitigen Monochordes, also einen meist dreieckigen Querschnitt, ab dem 17. Jh. auch eine bauchige Korpusform, die aus mehreren „Holzscheiten“ zusammengesetzt ist. An den Resonanzkasten schließt sich ein meist kurzer, angesetzter Hals ohne Bünde mit Wirbelkasten an. Das Trumscheit besitzt eine oder auch zwei Darmsaiten unterschiedlicher Länge, die vom Fuß des Instrumentes über einen Steg in den Wirbelkasten verlaufen.

Der zweifüßige, „schuhförmige“ Steg ist asymmetrisch: über den rechten, kürzeren Fuß, den „Hackenteil“, der senkrecht auf der Decke steht, wird die Saite geführt, während der linke, längere, lose auf der Decke ruht. Beim Spielen überträgt dieser die Schwingung der Saite auf die Decke, so daß durch das ständige Aufschlagen ein schnarrender, knatternder und aus der Entfernung trompetenartiger, lauter Ton entsteht.

 

Das Aufschlagen wird oft noch durch ein unter dem „losen“ Fuß eingelegtes Stück Hartholz, Glas, Metall oder Elfenbein verstärkt.

 Trumscheit [Bild 4]
Filippo Bonanni: Trumscheit
Kupferstich aus:Gabinetto armonico, Rom, 1722

 

Der Bogen streicht die Saiten - im Gegensatz zur heutiger Spielweise der Streichinstrumente - zwischen Sattel und Greifhand an, also zwischen Wirbelkasten und aufgesetztem Finger (gewöhnlich der Daumen). Die Finger werden nur leicht auf die Schwingungsknoten der Saite gelegt, es werden also Flageolett-Töne gespielt, d. h. nur Töne aus der Obertonreihe des Grundtones.

Zwei unterschiedliche Instrumentenhaltungen sind überliefert: Die kleineren, älteren Instrumente hält der Spieler von der Brust oder der Schulter schräg nach oben, die größeren Instrumenten - es sind auch mannshohe oder übermannhohe Exemplare ab dem 17. Jh. überliefert - stützt er auf den Boden.

Seit dem 17. Jh. hatte das Trumscheit auch Aliquotsaiten, ein bis drei auf der Decke oder bis zu 49 Resonanzsaiten unter der Decke.

 

Geschichte:

Das Trumscheit ist ein bereits im 12. Jh. nachweisbares, bevorzugt im 15.-18. Jh., vereinzelt im 19. Jh., verwendetes Instrument. Eine französische Plastik des 12. Jh. zeigt erstmals ein Trumscheit und in französischen Texten der Zeit wird es als Monochordes d'archet bezeichnet.

 Trumscheit [Bild 5]
Trombe marine auf einem Schiff des Charon
in einem Festumzug, München, 1662,
Ausschnitt aus einem Leporello von Caspar Amort d. Ä.

 

Sebastian Virdung nannte es 1511 in seiner Musica getuscht ein onnütze instrumenta und Henricus Glareanus bezeichnete es als tympani schiza und beschrieb das Instrument eingehend in seinem Musiktraktat Dodekachordon 1547: Spielleute gehen durch die Straße, die Spitze des Instruments an ihrre Brust befestigt ... Das Instrument erzeugt einen angenehmen Klang in der Entfernung als ganz in der Nähe ... Sie haben den schnarrenden Ton durch einen besonderen gebogenen Steg erzeugt, dessen breiterer und dickerer Fuß die Saite auf der dreiseitigen Decke trägt, und dessen kürzerer Fuß, an dem sie ein feste Stück aus Ebenholz oder einem anderen glänzenden Material angebracht haben, den vibrierenden Klang erzeugt. Ich mußte über diesen Einfall der Menschen lachen. Für ihn war es weniger ein Instrument zum Musizieren als vielmehr ein Werkzeug zur Demonstration der Intervalle.

 

Vom 16.-18. Jh. war es äußerst beliebt. Michael Praetorius (Syntagma Musicum II, 1619) und Marin Mersenne (Harmonie Universelle, 1636) beschreiben es eingehend. Für London ist 1675 das Konzert eines Trumscheit-Quartettes überliefert.

 

In Frankreich gehörte das Trumscheit von 1679-1767 zu den Instrumenten der Grande Ecurie. In dieser Zeit entstanden über 300 Kompositionen u.a. von J.-B. Lully (Ballettmusik für Fr. Cavallis Serse, 1660), A. Scarlatti (Il Mitridate Eupatore, 1707) für dieses Instrument. Der einzige bekannte Virtuose der Zeit war Jean-Baptiste Prin (um 1669-1742), der 367 Stücke für sowie eine Abhandlung über „sein“ Instrument schrieb (Traité de la trompette marine, Lyon 1762).

 

Um die Mitte des 18. Jh. begann der Niedergang des Trumscheits, als Straßeninstrument fand es bis zum Ende des 19. Jh. Verwendung

 

Trumscheit [Bild 6]Das Trumscheit in unserer Ausstellung fertigte Thilo Viehrig, Schloß Kaulsdorf, 1993, nach einem Instrument aus dem Musikinstrumentenmuseum in Leipzig an. Es ist ein Instrument aus dem 18. Jh., vermutlich sächsischer Herkunft und stammt aus dem Kloster Marienthal.

 

Literatur:

John Henry van der Meer: Musikinstrumente. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1983, S. 81ff.
David Munrow: Musikinstrumente des Mittelalters und der Renaissance, Celle, 1980, S. 72ff.
Musikinstrumente der Welt. Eine Enzyklopädie mit über 4000 Illustrationen, Gütersloh 1981
Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet, 3. unveränderter Nachdruck der Ausgabe Berlin 1913, Hildesheim 1979.
div. Lexika: Grove, Honnegger/Massenkeil, MGG 1 + 2, Riemann, Ruf.
Die Abbildung auf der Titelseite ist aus: Michael Praetorius: Syntagma Musicum II, 1619.