Logo Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz

 

 

 Sie sind hier: Startseite > Instrumente der Schütz-Zeit > Gemshorn

 

Gemshorn

 

Gemshorn

Gemshorn, frz. cor de chamois

 

Bau:

Die Form des Instruments und seine Bohrung sind durch das (Tier-)Horn vorgegeben. Das Gemshorn besitzt einen weichen, dünnen Ton, der klanglich zwischen einer leisen Blockflöte und einer Okarina liegt. (Munrow)

 

Da das Gemshorn in seinem Bau einer gedackten Pfeife entspricht, kann das Gemshorn nicht überblasen werden. Also steht dem Spieler bei den heutigen Instrumenten mit 7 vorderständigen Grifflöchern und einem Daumenloch nur der Tonumfang einer None zur Verfügung.

 

Geschichte:

oben rechts GemshornDie früheste Darstellung findet man bei Sebastian Virdung (* um 1465) in seiner Musica getutscht, 1511, wo ein etwa viertelkreisförmiges Tierhorn mit Flöteneinrichtung (Sachs) abgebildet ist. Martin Agricola (1486-1556) stellt das Gemshorn in seiner Musica instrumentalis deudsch, 1529, vor: Virdung und Agricola beschreiben das Gemshorn als eine Blockflöte mit vier Grifflöchern in der Form eines kurzen, gekrümmten Tierhorns. Dabei ist der dickere Teil verschlossen und mit Anblasöffnung und Aufschnitt versehen.

 

oben links GemshornIn der letzten Ausgabe der Musica instrumentalis deudsch, 1545, von Agricola ist das Gemshorn nicht mehr verzeichnet, weil das Instrument wohl inzwischen aus dem Gebrauch gekommen ist.

 

Michael Praetorius (1572-1621), Syntagma musicum II., 1619, und Marin Mersenne (1558-1648), Harmonie universelle, 1636/37, kennen das Gemshorn nur als Orgelregister.

 

GemshornZwei weitere Abbildungen finden sich im Gebetbuch für Kaiser Maximilian I, das 1514 bei Hans Schönsperger in Augsburg erschien: Albrecht Dürer versteckt in seinen Randzeichnungen neben vielen anderen Instrumenten auch zwei Gemshörner, die drei vorderständige Grifflöcher besitzen und bei denen deutlich das Labium zu erkennen ist (linke Randzeichnung ganz unten, rechte oben hinter der Panflöte).

 

1913 entdeckt Curt Sachs im Königlichen Zeughaus zu Berlin ein Paar Hörner, von denen das eine in eine Schnabelflöte umgewandelt ist. Auch wenn es sich um kein Gems-, sondern eher um ein Ziegenhorn handelt, aus dem das Instrument gefertigt ist, entspricht es den bildlichen und literarischen Quellen der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts.

 

Orgelregister:

Bereits seit der Mitte des 15. Jahrhunderts imitieren Orgelbauer den Klang des Gemshorns, was auf die Beliebtheit dieses Klanges schliessen läßt. Es ist ein Orgelregister mit konischen, offenen Labialpfeifen zu 16', 8', 4' und 2', gelegentlich auch zu 2 2/3' oder 1 3/5'. Es wird heute wieder weit mensuriert gebaut und hat einen weichen Klang (Honegger/Massenkeil). Sachs charakterisiert den Ton als präzis, hornartig und häufig weich singend, aber schneidend.

 

GemshörnerUnsere Instrumente stammen aus der Werkstatt von Heinz-Peter Weber, Mülheim/Ruhr. Er fertigt die Instrumente aus afrikanischen Rinderhörnern, deren Hornoberfläche poliert wird. Der Anblaskopf besteht aus Holz (Ahorn) und wird entweder auf- oder in das Hornende eingesetzt.

 

Das Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz hat Sopran-, Alt-, Tenor-, Bass-, C-Bass- und F-Bass-Instrumente im Bestand.

Da gerade die Gemshörner sowohl von den Köstritzer Flötenkindern als auch von den Köstritzer Spielleuten in den Proben und Konzerten ständig gespielt werden, hat nur ein Sopran-Gemshorn Eingang in die Ausstellung gefunden.Instrumente

 

Literatur:

Uta Henning: Musica Maximiliana. Die Musikgraphiken in den bibliophilen Unternehmungen Kaiser Maximilians I., Neu-Ulm 1987.
John Henry van der Meer: Musikinstrumente. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1983, S. 81ff.
David Munrow: Musikinstrumente des Mittelalters und der Renaissance, Celle, 1980, S. 74ff.
Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet, 3. unveränderter Nachdruck der Ausgabe Berlin 1913, Hildesheim 1979.
Curt Sachs: „Das Gemshorn“, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft, 1. Jg, 1918, S. 153-156.
div. Lexika: Grove, Honnegger/Massenkeil, MGG 1 + 2, Riemann, Ruf.
Die Abbildung auf der Titelseite ist aus: Sebastian Virdung: Musica getutscht, 1511.